Mit dem Leben davongekommen – Exil und Neuanfang. Bayerisch-jüdische Lebenswege

KLOSTERGESPRÄCHE | „80 Jahre Kriegsende – Erinnerung und Auftrag“
Am Dienstagabend fand im Geistlichen Zentrum der Redemptoristen in Cham die Veranstaltung „Mit dem Leben davongekommen – Exil und Neuanfang. Bayerisch-jüdische Lebenswege“ statt. Eingeladen hatte die KEB Cham, Kooperationspartner war das Bündnis für Toleranz und Menschenrechte im Landkreis Cham / Cham gegen Rechts. Aus Sicht unseres Bündnisses war es eine eindrucksvolle, bewegende und zugleich hochaktuelle Veranstaltung, die auf große Resonanz stieß: Der Saal war sehr gut besucht, das Interesse und die Aufmerksamkeit des Publikums deutlich spürbar.
Referent des Abends war der Journalist, ehemalige BR-Redakteur und Buchautor Thomas Muggenthaler, der im Rahmen der Klostergespräche „80 Jahre Kriegsende – Erinnerung und Auftrag“ aus seinem gleichnamigen Buch berichtete. Von den insgesamt 34 im Buch porträtierten jüdischen Lebenswegen stellte Muggenthaler fünf exemplarische Biografien in Bild und Wort vor. Grundlage seiner Darstellung waren Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die er über einen Zeitraum von rund 40 Jahren geführt hat.
Besonders eindrücklich war, dass im Vortrag die Originalstimmen der porträtierten Personen zu hören waren. Diese persönlichen Erzählungen verliehen den historischen Fakten eine große emotionale Tiefe und machten die Erfahrungen von Verfolgung, Exil und Neuanfang unmittelbar erfahrbar.
Vorgestellt wurden unter anderem:
- Ernst Schwarz (geb. 1913 in Cham), der 1938 nach Palästina flüchtete und dort in der Landwirtschaft arbeitete. Er lebte später in der Nähe von Tel Aviv und besuchte ab 1958 wieder Deutschland und auch Cham, um das Grab seines Vaters zu besuchen – mit der Ausnahme des Jahres 1977, als der jüdische Friedhof in Cham geschändet wurde. Über Israel sagte er: „Wir haben hier eine neue Heimat gefunden.“ Schwarz war bekannt mit dem früheren Chamer Bürgermeister Leo Hackenspiel.
- Rosel Steiner (geb. Wertheimber, geb. 1923) aus Regensburg, die bereits 1935 nach Tel Aviv emigrierte. Aus einer wohlhabenden Familie stammend, wäre sie gerne Ärztin geworden. 1981 kehrte sie erstmals nach Regensburg zurück und kommt seitdem regelmäßig: „Mein Herz hängt an Regensburg.“
- Gerda Oppenheimer (geb. Farntrog, geb. 1923 in Regensburg), die 1938 von ihren Eltern mit einem wertvollen Ring der Mutter nach Jerusalem geschickt wurde. Fast ihre gesamte Familie wurde im Holocaust ermordet. Gemeinsam mit ihrem Mann gründete sie später eine erfolgreiche Schokoladenfabrik. Nach Deutschland kehrte sie nie zurück: „Man kann nicht in ein Land gehen, das so gemordet hat.“
- Hans Rosengold (geb. 1923 in Regensburg), der mit seiner Mutter im Oktober 1939 über Italien mit einem der letzten Schiffe nach Argentinien flüchtete. Sein Vater wurde 1942 ermordet. Rosengold baute sich in der Textilbranche eine Existenz auf und kehrte nach mehreren Besuchen 1956 dauerhaft nach Regensburg zurück. Mit der Firma Carlson prägte er über Jahrzehnte den regionalen Einzelhandel. Sein Fazit: „Regensburg ist für mich daheim.“
- Erich Spitz (geb. 1926 in Straubing), der 1937 nach England geschickt wurde, während seine Eltern über die Schweiz nach Palästina flohen. 1950 kehrte er nach Straubing zurück, da die Familie ihr Haus zurückerhielt. „Bayern ist Bayern, ich bin hier zuhause“, sagte er und engagierte sich später als Synagogenführer und aktives Mitglied der jüdischen Gemeinde.
Ergänzend wurde auch Herta Wenger (geb. Stiastny, geb. in Breslau) erwähnt, die acht Jahre im Exil in Shanghai lebte, 1947 nach Deutschland zurückkam und über 50 Jahre als Sekretärin der Israelitischen Kultusgemeinde in Straubing wirkte.
Thomas Muggenthaler machte deutlich, unter welchen Bedingungen jüdische Familien vor 1939 überhaupt auswandern konnten: Ein notwendiges Zertifikat kostete etwa 1000 Pfund Sterling pro Person, was rund 20.000 Reichsmark entsprach – für viele unerschwinglich.
Gemeinsam war allen vorgestellten Lebenswegen das Gefühl des Ausgestoßenseins, der Aberkennung der eigenen Zugehörigkeit, die Entmenschlichung, der Verlust von Eigentum und Angehörigen sowie das abrupte Ende privater und beruflicher Träume. Traumata, Entfremdung und Schuldzuweisungen prägten die Biografien nachhaltig. Gleichzeitig wurden Unterschiede sichtbar: Menschen, die Deutschland nie wieder betraten, solche, die es besuchen konnten, und jene, die dauerhaft zurückkehrten – aus ganz unterschiedlichen sozialen und Bildungsschichten.
Aus unser Sicht war dieser Abend ein wichtiger Beitrag zur lokalen und regionalen Erinnerungskultur. Die persönlichen Geschichten machten deutlich, wohin Ausgrenzung, Antisemitismus und Rassismus führen können – und warum es auch 80 Jahre nach Kriegsende unser Auftrag bleibt, entschieden für Menschenwürde, Demokratie und ein respektvolles Miteinander einzutreten. Die Veranstaltung hat gezeigt, wie wichtig es ist, diesen Stimmen Raum zu geben und ihre Erfahrungen in die Gegenwart hinein wirken zu lassen.